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Zeitglockenturm

STADTUHREN

Zeitglockenturm von Solothurn
Zeitglockenturm von Solothurn, Uhrwerk von Lorenz Liechti aus Winterthur von 1545.

Der Zeitglockenturm von Solothurn , der vermutlich im 13. Jahrhundert erstellt wurde, gehört zu den ältesten Gebäuden der Stadt, erbaut wohl als Bestandteil der Stadtburg, unter Konrad von Zähringen erstmals erwähnt 1408.  Der Zeitglockenturm zeigt das
Astronomische Zifferblatt und die Automatengruppe. Zifferblätter auf alle 4 Himmelsrichtungen.
Den Glockenschläger Jacquemart in der Turmspitze. Das Uhrwerk ist von Lorenz Liechti aus Winterthur 1545.


1999  -  Komplete Renovation und Restaurierung des Uhrwerkes
            der Automatengruppe und Figuren,
            des Astronomischen Uhrwerkes und der Glockenwerke.
1981  -  Tägliche  betreuung und Unterhalt des Uhrwerkes bis heute  durch den Stadtuhrmacher Martin von Büren




Berichte


Ich haste durch die Altstadt, die Zeit drängt, ja, wie viel Zeit hab ich denn noch? Blick auf den Blackberry: Fehlanzeige, Akku leer. Auf eine Uhr verzichte ich schon, seit ich die Flik Flak nicht mehr cool finde; in meinem Kindergarten war man mit der Swatch-Marke am Handgelenk am Zahn der Zeit. Nun steh ich da, und der Blick zum Roten Turm, der sich als ältestes Gebäude Solothurns zwischen die anderen hübschen Altstadt-Häuser quetscht, hilft mir auch nicht weiter. Um Himmels Willen, kann ich nicht einmal die Zeit ablesen vom Zeitglockenturm, der so schön die Vergänglichkeit des Lebens symbolisiert? «Da bist du nicht die Einzige», beruhigt mich Martin von Büren, und der kennt die Zeit wie kein anderer, die Zeit ist sein Geld.


120 Kilogramm schwere Steinblöcke

Vis-à-vis vom Turm, den hier jeder Zytglogge nennt, hat der 53-jährige Stadtuhrmacher sein Geschäft. Ich stolpere hinein, es ist: 14 Uhr 20. Zeit genug, damit Herr von Büren mit mir die Uhr entziffert. Es ist sein Job, dass die Solothurner, also ihre öffentlichen Uhren, richtig ticken. Und das ist eine ganz harte Arbeit: Täglich gehören die drei Gewichte, die im Zytgloggenturm von Seilen hängen, mit der Hand über vier Stockwerke aufgezogen. Nach 24 Stunden kommen sie unten an, dann steht die Zeit still.

Vier junge Männer verhindern, dass das passiert. Für ein Sackgeld zieht je einer von ihnen rechtzeitig die bis zu 120 Kilogramm schweren Steinblöcke hoch, meistens mittags, manchmal zweimal täglich, wenns am nächsten Tag knapp werden könnte. «Sie sind sehr zuverlässig», sagt von Büren, «das war nicht immer so, dann stand die Uhr still.»

Früher gab es einen Turmwächter

Ganz früher schlug ein Turmwächter zur vollen Stunde auf die Glocke, er rief der Stadt die Stunde. Weil die Wächter aber oftmals unpünktlich waren, ging 1545 das Uhrwerk in Betrieb. Wir stehen auf dem Märetplatz, von dieser nördlichen Seite ist das obere Ziffernblatt lesbarer als von Ost, West und Süd, denn im Norden hat die Uhr sowohl Stunden- als auch Minutenzeiger. «Der Minutenzeiger wurde erst nachträglich angebracht, darum ist er auch kürzer», erklärt von Büren. Daran muss sich das Auge erst gewöhnen.

Komplizierter wird es unterhalb des Figurenspiels, wo ich das erste Mal meinen Augen nicht traute, als ich dort ein Skelett wahrgenommen habe, das neben dem Ritter und dem König steht. Die astronomische Uhr hat gleich drei Zeiger – für Sonne, Mond und Stunde. «Da kann man sehr viel ablesen», sagt von Büren, der Nachsatz stimmt: «Wenn mans kann.»

Der Einfachheit halber eine Erklärung im Zeitraffer (die Solothurner wohl schon in der Volksschule gelernt haben): Am Tag dreht der Stundenzeiger, er ist fünf Meter lang, nur eine Runde. Im inneren Kreis sind die Tierkreiszeichen abgebildet. Gegen den Uhrzeigersinn drehen sich der Sonnenzeiger, er braucht ein ganzes Jahr für seine Runde, und der Mondzeiger, er braucht 27 Tage. Am Winkel vom Mond- zum Sonnenzeiger lassen sich auch die Mondphasen ablesen. Wenn Ihnen an manchen Tagen Menschen auffällig konfus vorkommen, lohnt sich vielleicht ein Blick auf die Zeiger: Liegen sie gegenüber und bilden eine Linie, ist Vollmond – vielleicht liegts ja daran.

Im alten Gemäuer

Was Zeit für von Büren bedeutet? «Das ist etwas, wovon man immer zu wenig hat im Leben.» Also verschwenden wir sie nicht – und blicken in den Turm, der nicht offen zugänglich ist. Hinter einer Türnummer des Hotels Roter Turm öffnet sich kein Hotelzimmer, sondern der Gang zum Turm. Es ist dunkel, wir steigen auf ins mechanische Herz der Uhr, das alte Holz knarrt. Aus 10000 Teilen setzt sich das Werk zusammen, «es passiert immer wieder, dass etwas hängt oder ein Hebel bricht.» Wind, Wetter, Tauben – alles Feinde der Feinmechanik. Das heisst dann: höchste Zeit für von Büren. Just als er 2008 urlaubte, standen zeitgleich die Uhren still, auch jene am Bieltor und die Öufi-Uhr (da hab ich mich kurz gefragt, ob die Solothurner wirklich nur bis elf zählen können).

Es ist 15 Uhr, Zeit zu gehen. Der Blick zurück bleibt am Figurenspiel hängen. Der Tod führt vor Augen: Niemand weiss, wann einem die letzte Stunde schlägt, weder der König noch der Ritter. Mit dieser Botschaft unternehme ich gerne noch längere gedankliche Zeitreisen.

* Marlies Czerny ist Redaktorin bei den «Oberösterreichischen Nachrichten» in Linz und arbeitet im Rahmen eines Journalistenaustauschs während eines halben Jahres bei der az Solothurner
Zeitung.

(az Solothurner Zeitung)
 
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